Ein Hundeplatz für Nierstein?

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Die Diskussion über den Antrag der SPD-Fraktion im Niersteiner Stadtrat wurde heftig geführt. Hinzu kommen viele Kommentare in der facebook-Gruppe „Nierstein aktuell“. Viele Emotionen schwingen mit. Fakten gibt es nur wenige. Dies ist ein Versuch, sich dem Thema sachlich anzunähern. Mein Fazit: Ein Verein kann eine Lösung vereinfachen.

In Deutschland leben geschätzt 6,9 Millionen Hunde. Setzt man dies ins Verhältnis zur hiesigen Einwohnerzahl, dürften in Nierstein rund 800 Hunde leben. Die meisten Hunde sind keine Wach-, Rettungs- oder Blindenhunde. Die Mehrheit der vierbeinigen Freunde übernimmt zunehmend die soziale Funktion des Gefährten.

Wer am Wochenende durch die Weinberge rund um Nierstein spaziert, sieht sie dann auch in allen Größen und Farben. In der Regel ein Hund, manchmal auch zwei oder drei, die mit Herrchen oder Frauchen die große Runde gehen. Diese sollten gemäß SPD-Antrag einen eigenen Hundeplatz bekommen. Es sei notwendig, so die Begründung. Bestätigt wurde dies von Hundebesitzern in der facebook-Gruppe Nierstein aktuell. Laut Antrag sollte sich die Stadt auch finanziell an der Errichtung des Platzes beteiligen. Eine facebook-Nutzerin begründete dies auch mit den Hunde-Steuern, die sie zahle.

Genaue Zahlen liegen mir derzeit nicht vor. Also gehe ich von Annahmen aus, die jederzeit durch die Realität wiederlegt werden können. Bis dahin müssen diese reichen: Bei 800 Hunden in der Stadt kommen sicher ein paar Euros zusammen. Hier ist zu beachten, dass es keine einheitliche Hundesteuer gibt. Jede Gemeinde kann die Höhe selber festlegen.

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Hunde-Steuer 2021 für Nierstein:

Erster Hund: 70 Euro
Zweiter Hund: 150 Euro
jeder weitere Hund: 210 Euro

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In meiner Berechnung gehe ich von 600 Hunden á 70 Euro und 200 Hunden á 150 Euro aus. Bei 800 Hunden macht das 72.000 Euro, die jährlich in die Stadtkasse gespült werden. Viel Geld.

Diese Steuern werden ohne besonderen Zweck erhoben und gehören landläufig zu den Luxussteuern. Die Hunde-Steuer hat eine eigene Geschichte, die hier aber nicht näher beleuchtet werden soll.

70.000 Euro pro Jahr für einen Hundeplatz?

Diese Rechnung wäre zu einfach. Denn die Liebe zum Hund hat viele Seiten. So produzieren die 6,9 Millionen Hunde in Deutschland rund 5,5 Milliarden Häufchen pro Jahr. Auf Nierstein entfallen rechnerisch rund 673.600 Häufchen. Jedes Jahr. Tretminen, die auf Wiesen und Wegen liegen, wenn die Besitzer:innen sie nicht entsorgen. Im Zweifel ist die Stadt gefordert, die Reinigung vorzunehmen. Um die Entsorgung zu vereinfachen, bietet die Stadt Beutel-Stationen an. Hier hängen kostenlos kleine Kunststoffbeutel, mit denen der Hundekot entsorgt werden kann. Die Beutel werden regelmäßig nachgefüllt und die Abfalleimer entleert. Das muss auch jemand machen, der dafür bezahlt wird. Ob und wie diese Gassi-Beutel genutzt werden, ist mir unbekannt. Anzumerken ist, dass die wilde Entsorgung der Kunststoffbeutel ein Umweltproblem darstellt. Zum Glück habe ich bislang keine dieser Beutel im Flügelsbach zwischen Schwabsburg und Nierstein oder in den umliegenden den Weinbergen gesehen.

Zurück zur Rechnung: Die roten Beutel an den Stationen werden zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Picobello bietet 1.000 Stück zu 4,20 Euro an. Das ergibt bei 637.600 Häufchen rein rechnerisch eine Summe von 2.677,92 Euro, die jedes Jahr von der Stadt aufgebracht werden muss. Einen anderen Bezug gibt eine Aussage in der Sitzung des Stadtrates, wonach 250.000 Beutel pro Jahr beschafft werden. Das wären dann 1.050 Euro pro Jahr, die von den Einnahmen durch die Hunde-Steuer abgezogen wird. Bleiben noch rund 69.000 bis 71.000 Euro übrig. Wie beschrieben, sind Abweichungen denkbar bei der Höhe der Hundesteuer, den Ausgaben für die Beutel und die Reinigungskosten. Für eine erste Orientierung jedoch sollte es reichen.

Ein Anrecht darauf, dass die rund 70.000 Euro für einen Hundeplatz ausgegeben werden, haben die Hundebesitzer jedoch nicht.

Wer trägt die Verantwortung?

Aber wer sind die Hundebesitzer, die diesen Platz wünschen? Das lässt der Antrag offen. Hier wird eine Gruppe interessierter Bürger erwähnt. Offen bleibt die Frage, wer diesen Platz nutzen möchte. Und wann er dies tun möchte. Ich kenne Hundebesitzer, die diesen Platz nicht nutzen würden. Die Angst vor Ansteckung mit Würmern und Flöhen ist zu groß. Hinzu kommt die Angst, dass nicht alle Hunde gleich sozialisiert sind und es zu Beißattacken kommt. Flöhe? Würmer? Dieses Beispiel mag mancher Leser oder manche Leserin beiseite fegen. Vielleicht auch den Punkt der Sozialisation des Hundes.

Ich sehe dennoch das Risiko, dass auf dem Hundeplatz Situationen entstehen, die unschön sind. Sei es durch kranke Hunde und angriffswütige Gesellen. In dem Falle würde die Stadt verantwortlich gemacht und die Haftungsfrage gestellt. Zudem glaube ich, dass es kein Zukunftsmodell ist, wenn es eine eingezäunte Wiese gäbe, die jeder Hundebesitzer unkontrolliert nutzen kann. Ärger kündigt sich da an: zu voll, ungepflegt, defekte Bänke, Schmierereien, etc. Beispiele solcher Orte gibt es bereits in Nierstein.

Derzeit können Hunde die Weinberge nutzen und auf den Wegen tollen und toben. Eine generelle Anleinpflicht gilt für Nierstein und Umgebung meines Wissens nicht. Wem das nicht reicht und einen Hundeplatz möchte, der sollte sich aus meiner Sicht organisieren. Zum Beispiel in einem Verein. So würde aus einer eher theoretisch wirkenden Gruppe „interessierter Mitbürger“ ein greifbarer Kreis „engagierter Mitbürger“ mit festen Ansprechpartnern. Ein Verein kann helfen, die Verantwortlichkeiten besser zu regeln. Die Stadt kann gezielter unterstützen, zum Beispiel aus dem rechnerischen Betrag von 70.000 Euro pro Jahr. Und Vereine können Ehrenamtsförderung beantragen. So kann es aus meiner Sicht funktionieren.